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01.06.2020

Erinnerungen der Gegenwart

Heute ist Kindertag. Auch für uns als Kind. Was kann passieren, wenn wir uns unserer lange verstorbenen Mutter, unserem lange verstorbenen Vater annähern? In den Späte-Trauer Seminaren nehmen wir uns dafür viel Zeit.

Mein eigener Vater starb, als ich 10 Jahre alt war und ich habe jedem immer wieder gesagt, dass ich zu ihm keine Verbindung spüre. Es gibt kaum noch Verwandte, die über ihn Erinnerungen zu erzählen haben. Ich sammle schon lange Fotos von ihm. Fotos, auf denen er zu sehen ist und Fotos, die er selbst gemacht hat. Ich klebe sie auf, denke über sie nach, versuche mich zu erinnern. Seine und meine Vergangenheit öffnet sich dadurch manchmal etwas, aber manchmal auch nicht. Es kommt mir trotzdem vor, als ob dieses Spielen mit den Fotos einen Nährboden bereitet für Momente, in denen völlig unerwartet etwas passiert. Etwas Nicht-Gedachtes. Etwas, was durchrüttelt. Als ob Teile in mir sichtbar werden, sich zusammen fügen, die ich in all diesen Jahren nie (wieder) gesehen oder gespürt habe.

Vor einer Woche sah ich im Halbschlaf auf einmal, wie zwei Fotos in meiner Sammlung zusammenpassen. Am nächsten Tag legte ich sie sofort aneinander und es passierte etwas Wunderbares. Etwas, was ich niemals für möglich gehalten hätte. Ich möchte das hier nicht genauer benennen. Manchmal sollten wir das, was uns so tief bewegt, in uns selbst schützen. Nur so viel kann ich sagen: Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass mein Vater und ich auf den beiden Bildern genau gleich alt sind!

Ich bin davon überzeugt, dass es bei dieser Arbeit nicht nur darum geht, alte Erinnerungen wiederzubeleben. Manchmal gibt es diese Erinnerungen gar nicht mehr so, wie wir sie erwarten. Zum Beispiel, wenn unsere Eltern ganz früh verstorben sind. Vielmehr machen sich in solchen Momenten Teile von uns selbst in der Gegenwart spürbar, die ganz tief verschollen waren. Die wir vielleicht bisher nie entdecken und entwickeln konnten. Teile, die jetzt zusammenkommen und uns kompletter machen.

Ich lade Dich also zu diesem Kindertag und zu allen Tagen, die noch kommen, herzlich dazu ein, zu sammeln, zu schreiben, zu malen, kreativ zu werden, zu spielen wie ein Kind. Wie das Kind, das du bist. Ohne konkrete Erwartungen, aber immer offen und aufmerksam für das, was vielleicht passiert. Für das Unerwartete.

 

13.04.2020

Vertrauen

Vertrauen ist für viele Spät-Trauernde ein schwieriges Thema. Als Folge des Einschnitts, des unumkehrbaren Verlusts haben viele von ihnen ihr Grundvertrauen verloren. Ihr Grundvertrauen in sich selbst. In andere Menschen. In das Leben. Kontrolle ist an die Stelle von Vertrauen getreten. Manchmal ist sie so stark, dass man denken könnte, Spät-Trauernde sind wantrouwend. Aber sind sie das auch wirklich? Das niederländische Wort wantrouwen bedeutet, wortwörtlich übersetzt, so etwas wie: negatives Vertrauen oder falsches Vertrauen. Im Niederländischen kennen wir das Wort Misstrauen nicht. Das ist schade. Denn die meisten Spät-Trauernden sind nämlich nicht wantrouwend. Sie vermissen Vertrauen. Sie misstrauen.

Ein später Trauerprozess ist ein alternierender Prozess. Wir werden in diesem Prozess, wie das Pendel eines Uhrwerks, zwischen Extremen hin und her gerissen. Einschließlich aller Zwischenstadien. Freude und Kummer. Liebe und Gleichgültigkeit. Vertrauen und Zweifel. Zorn und Erleichterung. Liebe und Angst. Einsamkeit und Verbundenheit. Zynismus und Vertrauen. Vertrauen und Misstrauen.

Ein später Trauerprozess ist eine große Übung, Vertrauen zu lernen. Das Vertrauen darauf, dass nach einer schlechten Zeit wieder eine gute Zeit kommt. Das Vertrauen darauf, dass eine gute Zeit uns immer wieder einen kleinen Schritt näher zu uns selbst bringt.

Ein Zitat aus ´Ein Loch in meiner Seele´von Titia Liese und Bert Pekelder. Erhältlich überall im Buchhandel.

 

20.03.2020Meine Späte Trauer in Alarmbereitschaft!

Dieser Moment, in dem die ganze Welt in einen Ausnahmezustand gerät, versetzt mich unerwartet zurück in die Zeit, in der ich als Kind in meine ganz private Ausnahmezustand geriet. Der gleiche unbestimmte Druck. Wie ein ständiges Brummen im Hintergrund. Wie eine Beklemmung in meiner Brust. Ein Band um meinen Kopf. Ein Stein in meinem Bauch. Etwas in meinem Hals. Ungreifbar und trotzdem unablässig anwesend. Aufgedrehtheit und zugleich Betäubung. Zittrigkeit, Flattrigkeit, Ohrensausen und Schwitzen. Abschottung und Überempfindlichkeit. Zurückgezogen in mich selbst und trotzdem der Welt so schutzlos ausgeliefert. Dieser Moment versetzt mich zurück in alte Lagen. Auf einmal rieche, spüre, höre, schmecke ich wieder, wie und wo ich damals war und was das mit mir gemacht hat. Und es wird mir klar: Diese Ausnahmezustand, diese Alarmbereitschaft hat mich lebenslang begleitet. Jetzt ist der Moment, mich selbst besser zu verstehen. Jetzt ist die Chance, diesen dauerhaften Stress tief in mir zu spüren, zu umarmen und etwas mehr loszulassen, sanfter und verständnisvoller zu mir selbst zu werden.

Richtig – ich hatte letzte Woche 3 Fiebertage und wachte nachts in einer Panikattacke hilflos weinend und am ganzen Körper zitternd auf – das ging gut über 1 Stunde, bis es nachließ und ich erschöpft wieder einschlafen konnte. Gegen Morgen in der normalen Aufwachphase kamen dann klarere Erinneringsbilder hoch, und es wurde deutlich: das waren Erlebnisse aus einer Zeit, in der ich noch sprachlos und hilflos war, aber laut und gewaltsam um mich herum gestritten wurde! Gottseidank konnte ich das in Laufe des Tages in Ruhe weiter bearbeiten und nachvollziehen, wie sehr die familiären Umstände in meinen ersten 3 Lebensjahren dies geprägt hatten. Auch wenn es so schmerzlich und schwierig war, dies jetzt noch einmal durchleben zu müssen: der innere Druck hat dadurch enorm nach gelassen und mir mehr Verständnis gegeben dafür, warum ich ein scheinbar so “braves” und “pflegeleichtes” Kleinkind gewesen war (“Du hattest nie eine Trotzphase”, pflegte meine Mutter ganz stolz zu sagen). Heute weiß ich, dass es sich für mich als Säugling so anfühlte, als würde man mich gleich zu Tode prügeln und ich der Gewalt in der Familie schutzlos ausgeliefert war. Allein das unbeachtet in Raum liegen gelassen werden während dieser Szenen hat dazu ausgereicht. Im späteren Alter – so um 2.5 bis 3 Jahren – erinnere ich mich schon immer, dass sich der Boden unter meinen Füssen wegdrehte, oder welche Panik Träume ich hatte. Ja, sehr interessant, was die aktuelle Krise so hochspült an vergrabenen Erinnerungen. Für mich schließt sich da ein Kreis und erklärt auch, warum mich der Tod des Vaters in Alter von 6.5 so traf und nicht zu verarbeiten war.

 

… jetzt, über 2 Jahre nach dem Tod meiner Mutter, muss ich komplett neu anfangen – mit ihrem Weggang ist irgendwie die letzte “Sicherheit” zerbrochen, und täglich erkämpfte ich mir mühsam ein Stück von mir. Mit war gar nicht bewusst, dass die latente Antriebslosigkeit und emotionale Disbalance so tief greifende Ursachen hat. Ich hatte schon gemeint, ich hätte einfach eine genetisch schlechte Disposition o.ä. und klassische Psychoanalyse erschien mir absolut ungeeignet, weil immer vom Verstand ausgehend, und viel zu schnell mit Psychopharmaka an der Hand. Das ständige innere Zittern, die übermäßige Muskelspannung, die Ängstlichkeit – ich versuchte, so gut es ging damit zu leben. Wenn ich jetzt hier diese Erfahrungen mitlese, verstehe ich viel mehr, wie sehr auch die Traumata der Eltern dieses Umfeld mit erschufen – im Sinne von: die Kriegswunden werden an die nächsten Generationen weiter getragen … Fazit: es ist viel Arbeit, aber jeder kleine Schritt lohnt sich! Mir ist die Verhaltens Therapie eine gute Unterstützung, dort kann ich erste (winzige) Erfolge erfahren…

 

Tanja (auf  der Facebook-Seite Spaete Trauer)

 

15.03.2020

Ein Verlust nach einem Verlust nach einem Verlust nach einem …

Vielleicht erkennst Du Dich total (oder überhaupt nicht, oder nur zum Teil) wieder in dem nachfolgenden Text. Die Umstände in unserem Leben, als wir unsere Mutter, unseren Vater verloren und auch in der Zeit danach, mögen unterschiedlich gewesen sein. Trotzdem überrascht es mich immer wieder, wie ähnlich sich Spät-Trauernde doch oftmals sind in Ihrem Ringen um ein erfülltes Leben.

Der Unterschied ist, dass du mit 30, 40 oder 50 nicht zusätzlich zu den Eltern dein gesamtes Alltagsleben verlierst, weil du deine Welt bereits aufbauen konntest. Weh tut es natürlich genau so sehr, aber du verlierst nicht auch noch deine Freunde, deine Schulkameraden, deine Heimat, musst dich nicht weit entfernt von allem, was du kennst, in eine Pflegefamilie oder ein Kinderheim eingewöhnen. Als Erwachsener wirst du bedauert, als Heimkind misstrauisch beäugt, weil du ja wahrscheinlich irgendwie schwer erziehbar oder halb kriminell sein musst, dadurch hast du es schwer, neue Freunde oder später einen Ausbildungsplatz zu bekommen usw.

 

Monika (auf  der Facebook-Seite Spaete Trauer) 

 

Nach dem Tod meiner Mutter (ich war da 13) hatte ich nur meinen Vater und einen Angestellten von ihm – ich war ab dem 15. Geb nicht zu Hause (Schule und Lehre) – nach seinem Tod (da war ich 21) nur den ehemaligen Angestellten, welcher im Haus wohnte und seine Lebenspartnerin welche nachdem sie mich kurz ins Geschäft eingeführt und ich inzwischen geheiratet hatte, also nach knapp 1 Jahr ausgezogen ist; damals war das ein GH und auch, bis knapp vor seinem Tod; eine Landwirtschaft…

 

Josef (auf  der Facebook-Seite Spaete Trauer) 

 

Hast Du manchmal das Gefühl, dass Du nie wirklich im Leben angekommen bist? Dass das Leben, Dein Leben nicht wirklich deine Heimat ist? Dass Du Dich, obwohl Du es immer wieder versuchst, nicht wirklich Teil vom Ganzen fühlst?  Oder dass Geschehnisse Dir wiederholt den Boden unter den Füßen weghauen? Und dass, wenn das passiert, wirklich nichts mehr Sinn und Halt gibt? Dass Du Dich dann nicht mehr wehren kannst? Dass dann die ganze Wirklichkeit nur noch ein großes schwarzes Loch ist?

Als wir als Kind oder Jugendliche unsere Mutter, unseren Vater oder unsere beiden Eltern verloren, hat das in den allermeisten Fällen eine ganze Kaskade weiterer Verluste ausgelöst. Wir verloren nicht nur unsere verstorbene Mutter, nicht nur unseren verstorbenen Vater. Die zurückgebliebene Mutter, der zurückgebliebene Vater war auch nicht mehr die- oder derjenige, die sie vor dem Verlust waren. Gerade als wir sie oder ihn doch so dringend als stabilen Anker brauchten. Die Bindungen innerhalb der Familie änderten sich. Unsere eigene Rolle änderte sich. Vielleicht wurden wir zur Ersatzmutter, zum Ersatzvater. Oder es trat eine neue Partnerin, ein neuer Partner an die Seite Deiner Mutter, Deines Vaters. Sollten wir sie nun Mama oder Papa nennen? Möglicherweise kamen auch neue Geschwister dazu. Manchmal folgten Umzüge, andere Schulen, andere Klassenkameradinnen oder -kameraden. Andere Großeltern, Pflege- oder Stiefeltern. Andere Regeln. Andere Haustiere. Andere Urlaube. Anderes Essen. Andere Gerüche. Andere Geräusche. Eine ganz andere Familienkultur. Oder gar keine Familienkultur, weil wir in einem Heim landeten, oder in stetig wechselnden Ersatzfamilien. Und jedes Mal riss es uns den Boden unter unsere Füße (ein Stück weiter) weg. Jedes Mal verloren wir noch mehr das Vertrauen in die Welt, in die Wirklichkeit, in unsere eigene Daseinsberechtigung, in uns selbst.

Viele Spät-Trauernde leben dadurch womöglich mit einer ganz tiefen inneren Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die sie selbst manchmal gar nicht wahrnehmen, weil diese ihnen so vertraut ist und die auch von ihrem Umfeld nicht wahrgenommen und verstanden wird. Sie zogen sich zurück in einen inneren Schutzraum. All diese Verluste veranlassten eine (schrittweise) Trennung von Körper, Gefühl und Denken. Eine schleichende Dissoziation, ein Entwicklungstrauma.

Ein Entwicklungstrauma ist meist hoher Stress, der über längere Zeit anhält und oftmals damit verbunden ist, sich nirgendwo sicher zu fühlen. Dies führt zu weitaus gravierenderen Folgen, da Kinder unter solchen Umständen kaum die Möglichkeit haben, sich „normal“ zu entwickeln. Ein Entwicklungstrauma greift meist sehr viel tiefer in die Persönlichkeitsstruktur und –entwicklung ein, als das ein Schocktrauma tut.

 

Dami Charf auf www.traumaheilung.de

 

Ich hatte großes Glück. Mein Therapeut sagte mir irgendwann: ´Anfangs habe ich gedacht, es ginge bei Ihnen darum, dass Sie noch um den Tod Ihrer Eltern trauern. Es ginge um eine Depression. Dann habe ich verstanden, dass die Folgen Ihrer Verluste viel weitreichender sind.´ Einige zeit später Später fragte er mich: ´Wie geht es Ihnen mit Ihrem Körper?´ Ich wusste nicht so genau, wie er auf diese Frage kam. ´Nun´ sagte er, ´Sie erzählten mir, wie es Ihnen oftmals den Boden unter den Füßen weg geschlagen hat. Wie Sie sich in manchen Situationen oftmals so machtlos, so ausgeliefert fühlten. Aber schauen Sie. Der Boden ist immer noch da. Es ist die Beziehung zu Ihrem Körper, die Sie in solchen Momenten verloren. Und jetzt finden Sie diese Beziehung allmählich zurück. Jetzt entdecken Sie die Sprache Ihres Körpers wieder.´

Dein Späte-Trauer-Prozess beinhaltet nicht nur das späte Trauern um den Tod Deiner Eltern. Es geht womöglich auch um die traumatisierenden Folgen dieser Kaskade der Verluste. Diese Einsicht kann Dir womöglich auf Deinem Weg helfen. Dein Weg zur (Re-)Integration von Körper, Gefühl und Denken. Ein Ankommen in Deinem Körper und damit in dieser Welt. Ob Du diesen Weg nun allein mit Dir selbst gehst oder mit Hilfe einer Therapie. Letztendlich ist es unser eigenes Verstehen, unser Wissen um uns selbst, das uns befreien und uns unsere volle Lebendigkeit wiedergeben kann.

Eine Buchempfehlung: Sprache ohne Worte, Peter A. Levine, Kösel 2010

 

07.03.2020

Erinnerung ohne Erinnerung

Erwachsenen, die ganz früh einen Elternteil oder beide Eltern verloren haben, bekommen gelegentlich zu hören: ‘Du hast keine Erinnerungen, also brauchst oder kannst Du darüber auch keine Trauer empfinden. Wie kannst Du deine Mutter oder deinen Vater vermissen, wenn Du nie eine Beziehung zu ihr oder zu ihm hattest?’

Mein Vater ist 2 Monate vor meiner Geburt gefallen, ich habe viel geweint als Kind.

Heidi (auf  der Facebook-Seite Spaete Trauer) 

 

Meine Mama hätte heute Geburtstag. Ich kann mich nicht an sie erinnern, war 13 Monate alt ….

Erika (auf  der Facebook-Seite Spaete Trauer)

 

Mein Vater starb ein paar Wochen nach meinem 2. Geburtstag. Kann mich leider nicht an ihn erinnern. Aber die Lücke ist da, habe ihn immer vermisst. Besonders bei feierlichen Ereignissen, meine Hochzeit, die Geburt meiner Kinder und Enkelkinder und… Meine Mutter habe ich noch immer, sie wird in 14 Tagen 94 Jahre.

Hanna (auf  der Facebook-Seite Spaete Trauer)

 

oder eine andere Variante davon ist die Auffassung Außenstehender, man habe doch eh keine richtige Beziehung zu der Mutter gehabt, sie habe einen doch sowieso nur schlecht behandelt usw.
Auch das ist für Andere nicht zu beurteilen, denn auch dann trauert man – irgendwie. Oder mal realisiert seine Trauer nicht, weil sie sich in was ganz Anderem ausdrückt.
Ich glaube, dass das bei mir so gewesen ist.
Auch hatte ich Jahrzehnte lang, bis weit, weit bis in’s Erwachsenenalter Angst vor der Nacht, in der sie gestorben ist. Angst davor, dass sie mich holen könnte, dass auch ich an dem Datum sterben könnte.
Inzwischen hat sich das verflüchtigt…

Hella (auf  der Facebook-Seite Spaete Trauer)

 

Ich war 7 Monate alt, als meine Mutter starb und 5 Jahre,als mein Vater tödlich verunglückte. Ich kenne das Gefühl sehr gut,dieses Loch in der Seele,das fehlende Urvertrauen,Ungeborgenheit, das Gefühl von Alleinsein und eine grosse Sehnsucht nach Dazugehörigkeit und Angekommensein, aber auch die Kehrseite dessen : Autonomie, Selbständigkeit, sich selbst ein guter Partner zu sein, allein sein auch als etwas Positives wahrzunehmen, Unabhängigkeit und eine gewisse Stärke entwickelt zu haben.
Ich bin heute 61 Jahre jung und habe zwei grossartige Söhne ins Erwachsenenleben begleiten dürfen, wofür ich sehr dankbar bin, weil ich weiss, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.
Dennoch, das Loch in der Seele ist geblieben, ich hab halt gelernt, damit halbwegs umzugehen.
lg Silvia (auf  der Facebook-Seite Spaete Trauer)

Vielleicht kennst Du das aus eigener Erfahrung. Dein Vater ist vielleicht schon vor deiner Geburt verstorben. Deine Mutter starb vielleicht bei Deiner Geburt oder kurz danach. Möglicherweise stellst Du Dir auch selbst diese Fragen: ‘Darf ich Trauer empfinden? Darf ich sie oder ihn vermissen? Habe ich dazu das Recht? Bilde ich mir das nur ein? Ist es alles nur Selbstmitleid?’ Deine Späte Trauer, Deine Verlusterfahrung ist dadurch für Dich womöglich zutiefst ungreifbar, versteckt. Erlaube Dir, diese Gefühle zu entdecken und ebenso auch Deinen Zweifel darüber! Deine verstorbene Mutter bleibt Deine Mutter! Die Frau, die Dir das Leben schenkte. Dein verstorbener Vater bleibt Dein Vater. Der Mann, der immer für Dich da sein sollte um Dich zu unterstützen. Die Eltern, die Du, wie jedes Kind, so brauchtest. Auch wenn es für Dich zunächst keine greifbare Erinnerungen zu geben scheint. Sehr, sehr viel ist möglicherweise viel tiefer in Deinem Körper gelagert. Der Weg dahin ist ein Weg zu Dir selbst und dieser Weg ist so lohnenswert!

Der richtige Weg zur Ganzheit besteht aus schicksalsmäßigen Umwegen und Irrwegen.

C.G. Jung

 

18.01.2020

Verletzbarkeit

Es erfordert Mut, die eigene Lebensgeschichte zu teilen. Wir zeigen damit unsere Verletzbarkeit und ringen oftmals mit der Angst, dadurch an Sicherheit und Ansehen zu verlieren. Was ist jedoch, wenn wir dadurch nicht verlieren, sondern gewinnen? Wenn es unsere Menschlichkeit vertieft und den Raum öffnet für ganz neue Begegnungen?

Die folgenden Texte schickte Marga auf Facebook:

Meine Mutter ……

Wohl dem, der seine Mutter kennt,
die ihn bei seinem Namen nennt ….
Sie war kaum geboren,
so jung…und hatt’ sie schon verloren ..
sie war doch noch so klein
und auf einmal ganz allein.
Da waren Menschen um sie rum,
doch die blieben stumm ….
keiner nahm sie in den Arm,
gab ihr Trost und hielt sie warm …..
ihr ganzes Leben blieb ‘ne Such -Aktion,
hatte selber Kinder schon,
gab ihnen Liebe und ein Nest
und stellte für sich fest,
vergeh’n auch noch so viele Jahr’,
die Mutter fehlt, wenn sie nicht da,
in all der Zeit bleibt das präsent,
wohl dem, der seine Mutter kennt.

An meinen Vater

Papa, ich war mein Leben lang
ungerecht zu dir,
verzeih mir.
Als meine Mama starb,
war es die zweite Frau,
die dir genommen wurde.
Du bliebst zurück mit 4 Kindern.
Ich war die Kleinste
und du hast dich an mich geklammert,
Ich hab gejammert und wollte das nicht.
Nur ein Jahr danach wurdest du
mir auch genommen.
Ich war 5 und hab es nicht verstanden.
Hat man mich gefragt,
wenn du dir jemand wünschen könntest,
wer sollte dann wiederkommen?
“Die Mutter” hab ich gesagt,
denn dich hatte ich nur traurig
in Erinnerung,
Ich war einfach noch zu jung.
Verzeih mir Papa, heut weiß ich es besser,
du hattest mich lieb.
Deine Kinder waren damals
das einzige, was dir blieb.

Marga

 

11.01.2020

Peter A. Levine

Ein wichtiger Baustein zum Verständnis von Später Trauer liefert bestimmt auch Peter A. Levine in seinen Büchern über Traumaarbeit. Der junge Verlust der Mutter, des Vaters oder der beiden Eltern wird in therapeutischen Fachkreisen selten oder nie als eine potenziell traumatische Erfahrung gesehen. Es ist an uns, Spät-Trauernden, für diese Einsicht zu kämpfen, der Welt klar zu machen, dass es genau das ist, was wir erlebt haben und noch immer erleben!

Potenziell traumatische Situationen lösen Zustände von großen physiologischer Erregung aus, ohne dass die betroffene Person frei ist, diese Zustände auszudrücken und zu überwinden: Gefahr ohne die Möglichkeit von Angriff oder Flucht oder sie anschließend „abzuschütteln“, wie ein wildes Tier es nach der beängstigenden Begegnung mit einem Angreifer tun würde. Was Verhaltensforscher tonische Immobilität nennen – die Gelähmtheit und das physische/emotionale Abschalten, die typisch sind für die universelle Hilflosigkeit angesichts einer tödlichen Gefahr – beherrscht allmählich das Leben und Wirken der Person. Wir sind  „starr vor Schreck“. Anders als bei Tieren, wird dieser Zustand vorübergehender Erstarrung bei Menschen zum langfristigen Wesenszug. Der Überlebende kann, wie Peter Levine ausführt, „in einer Art Schwebezustand stecken bleiben, ohne sich wieder wirklich auf das Leben einzulassen“. In Situationen, in denen andere nicht mehr als eine leichte Bedrohung wahrnehmen oder sich sogar positiv herausgefordert fühlen, erlebt die traumatisierte Person Bedrohung, Gefahr und eine mentale/physische Antriebslosigkeit, die ihren Körper und ihren Willen lähmt. Scham, Depression und Selbstvorwürfe sind eine Folge dieser aufgezwungenen Hilflosigkeit.

Dr. med. Gabor Maté im Vorwort zu: Sprache ohne Worte, Peter A. Levine, Kösel 2010

 

03.01.2020

Der nachfolgende Text stammt von Titia Liese. Niederländische Informationen über Späte Trauer findest Du hier: www.verlaatverdriet.nu

Doppelter Elternverlust

Kinder, die im jungen Alter einen Elternteil verloren haben – die Halbwaisen – haben nach dem Verlust fast alle die gleiche große Angst. Die Angst davor, auch ihren anderen Elternteil zu verlieren. Die Angst davor, Vollwaise zu werden.Für einige Kinder wurde diese Angst davor zur Wirklichkeit. Diese Kinder – die Vollwaisen – verloren beide Eltern und damit für immer ihr elterliches Zuhause. Und die Familienkultur, in der sie bis zu dem Zeitpunkt gelebt hatten.

Verlust der Familie

Es gibt Kinder, bei denen es einige Jahre gab zwischen dem Tod des einen Elternteils und dem Tod des anderen. Andere Kinder verloren ihre Eltern auf einem Schlag. Zum Beispiel als Folge eines Verkehrsunfalls, bei dem sie womöglich auch selbst betroffen waren. Ab dem Moment, an dem beide Eltern verstarben, wurden diese Kinder an anderen Stellen als ihr ursprüngliches Zuhause untergebracht. Manche Kinder wurden von Verwandten aufgenommen, andere in einer Pflegefamilie, die sie bis zu dem Zeitpunkt vielleicht überhaupt nicht kannten. Wieder andere Kinder wurden ´außer Haus´ untergebracht. Für sie fing oftmals ein herumziehendes Leben vom einen Kinderheim zum nächsten an.

Dankbar sein

Wo auch immer diese Kinder landeten, in fast allen Fällen mussten sie ihren Platz erkämpfen. Sie mussten sich immer Mühe geben und dankbar sein für den kleinen Platz, den sie erhalten hatten. Die Familie, in der sie bis zu dem Zeitpunkt aufgewachsen waren, gab es nicht mehr. Die Kultur der Familie, in der sie bis dahin lebten, verschwand für immer. Nie wieder konnten sie ihre Daseinsberechtigung als selbstverständlich annehmen.

Verletzbarkeit

Menschen, die im jungen Alter einen Elternteil verloren, haben oft, um sich selbst und ihre Gefühle zu schützen, eine Mauer um sich herum errichtet. Menschen, die im jungen Alter ihre beiden Eltern verloren, haben zur Sicherheit um diese Mauer noch eine Mauer aufgebaut. Das Fehlen vertrauter Ankerpunkte in ihrem Leben macht Menschen, die im jungen Alter beide Eltern verloren haben, in einem späten Trauerprozess besonders verletzbar.

 

25.12.2019 Vincent van Gogh im Museum Barberini in Potsdam

Meine wunderbare Cousine Corien wohnt auf der niederländischen Insel Texel. Sie vermietet dort Ferienhäuser in den Dünen. Zudem malt sich auch noch sehr schöne Naturbilder. Wenn sie wieder mit einem neuen Bild angefangen hat, veröffentlicht sie auf facebook (Corien Groenendijk) zwischendurch Fotos, die zeigen, wie sie mit ihrer künstlerischen Arbeit weiterkommt (oder auch nicht). Ich bewundere sie um ihren Mut, mit dem sie so offen zeigt, wie sehr sie in ihrem Schaffungsprozess immer wieder verzweifelt ringt. Was für eine inspirierende und kreative Art, mit der eigenen Zweifel umzugehen!

Auch meine Texte sind oftmals noch nicht fertig. Darum lohnt es sich, sie immer mal wieder zu lesen. Sie wachsen und verwandeln sich im Laufe der Zeit.

 

05.12.2019

Im Zweifelsfall

Oftmals sind es die kleinen Dinge, die eine große Bedeutung bekommen. In Ein Loch in meiner Seele geht es auch über Zweifel. Über die Zweifel, die uns spät Trauernden davon abhalten, das zu verfolgen, was wir tief in uns als Leben(sinhalt) verspüren. Über die Zweifel an unserer eigenen Daseinsberechtigung. Zweifel ist ein Überlebensmuster, der einen immer wieder umwirft. Wenn Du denkst: ´Das gelingt mir nie´, dann erinnere Dich, wie viel (Widerstands-)Kraft Du immer wieder zum Überleben hervorgebracht hast. Das ist Dir gelungen. Diese Kraft hast Du. Das hast Du bewiesen. Unser Rat im Zweifelsfall: Tu es doch!

Diese wenigen Worte sind bei mir hängen geblieben. Wie ein Mantra verfolgen sie mich schon seit Monaten. Tu es doch! Du weißt nicht, was daraus wird, wohin es Dich führt. Es wird sicher anders als Du erwartest. Aber es öffnet Türen zum Unerwarteten, zu Deiner Lebendigkeit. Die Dinge kommen dadurch in Bewegung. Du kommst dadurch in Bewegung. Für mich bedeutet das auch, dass ich mit meinen Zweifeln weniger zu kämpfen brauche. Die Zweifel bleiben, aber ich tue es trotzdem. Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Tu es doch!

 

04.12.19

Kleiner Bruder und großer Bruder

Es gibt viel zu entdecken in der Welt der späten Trauer. Manches kommt unerwartet. Oftmals, nachdem wir über viele Jahre nach Erklärungen gesucht haben. Warum und wie wir so geworden sind, wie wir sind. Warum die Dinge so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind. Erklärungen die uns, im Grunde genommen, doch nicht viel weiter gebracht haben. Die uns nicht freier gemacht haben. Und dann gibt es diese Momente, in denen Einsichten wie in einer Wolke erscheinen. Eine Wolke, die sich plötzlich in viele Richtungen öffnet. In der wir spüren, wie wir verwandelt werden, noch bevor wir wirklich überschauen, was mit uns passiert. In dem alles, was wir bis dahin bearbeitet haben, sich plötzlich fügt und zu etwas Spürbaren wird und uns bewegt. Zum Beispiel, wenn unerwartet die Bindung zu unseren verstorbenen Eltern wieder lebendig wird. Wenn wir die Reichweite, von dem, was uns als Kind passiert ist, verstehen. Wenn wir die Milde zu uns selbst finden und uns selbst verzeihen. Wenn wir unsere Wurzeln wieder spüren. Wenn wir uns, wie vom Zauberhand, reicher und freier fühlen. Manches ist anfangs vielleicht erschütternd, verwandelt sich dann jedoch ziemlich bald in ein warmes Gefühl des Heimkommens.

Es gibt jedoch auch Entdeckungen, die schmerzhaft sind und das vielleicht auch noch eine lange Zeit bleiben. Die uns auffordern, uns bewusst unseren Schattenseiten (*siehe den Buchtip am Ende dieses Textes) zu stellen. Zum Beispiel, wenn uns klar wird, wie aus dem frühen Verlust unserer Mutter oder unseres Vaters Schutzmechanismen entstanden sind, die bis heute unsere Beziehungen belasten und einschränken.

In 2013 wurde bei meinem  jüngeren Bruder Krebs diagnostiziert. Schon beim ersten Arzttermin wurde ihm erzählt, dass es keine Hoffnung auf eine Heilung gab. Dass die Therapie nur darauf ausgerichtet sein würde, ihm seiner noch verbleibenden Zeit so erträglich wie möglich zu machen. Wie lange? Ein halbes Jahr vielleicht. Er rief mich noch am gleichen Tag an. Das Gespräch werde ich nie vergessen. An irgendeinem Punkt sagte ich ihm: ´Ach Brüderchen, was für eine Scheißfamilie. Erst Papa, dann Mama und jetzt du. Dann bleibe ich also alleine übrig.´ Wir weinten beide.

Er hat noch ein Jahr gelebt. In dieser Zeit war ich jede vierte oder fünfte Woche in den Niederlanden bei ihm und seiner Familie. Anfangs haben wir die Sachen gemacht, die uns beiden so wertvoll waren. Wie waren im Reichsmuseum und haben uns Kunst angeschaut. Kunst stand in unser beider Leben sehr zentral und darüber tauschten wir uns gerne aus. Das verband uns. Im Laufe der Monate, als er schwächer wurde und mehr litt, waren unsere Begegnungen für mich in zunehmendem Maße sehr schmerzhaft. Ich spürte in mir eine immer größere Distanz und einen unterdrückten Frust. Das führte dazu, dass auch der Kontakt mit seiner Familie schwieriger wurde. Es gipfelte in seiner Beerdigung, in der ich – als sein einziger Bruder – keinen wesentlichen Platz fand. Am Tag nach der Beisetzung flog (und flüchtete) ich direkt nach Mallorca, um dort 14 Tage Urlaub zu machen. 2 Jahre lang habe ich eine riesige Wut mit mir herum getragen und mir vor Unverständnis und Frust die Augen aus dem Kopf geweint. Warum habe ich, trotz dieser wiederkehrenden Begegnungen in diesem letzten gemeinsamen Jahr, nicht das Gefühl, mich von ihm wirklich verabschiedet zu haben. Warum entfremdeten wir uns so? Ich fragte mich immer und immer wieder, was dort falsch gelaufen war. Was hätte ich anders oder besser machen müssen? Wie konnte ich so versagen? Erst jetzt, beim Schreiben dieses Textes, entdeckte ich, dass die Antworten nicht in der damaligen Situation zu finden waren. Nicht in diesem einen besonderen Jahr, sondern in einer Zeit, viel, viel weiter zurück. Die Zeit, in der mein kleiner Bruder und ich unseren Vater und etwas später auch unsere Mutter verloren. Noch nie sah ich so klar, was ich mir zwar in all diesen Jahren gedacht hatte, aber was mich nie wirklich erreicht hatte. Dass es wirklich die Vergangenheit war, die um Anerkennung schrie. Um Integration in meinem Jetzt. Wie gerne hätte ich diese Entdeckung früher gemacht und damals mit meinem kleinen Bruder geteilt.

Wenn wir uns in unseren engen Beziehungen oft unzulänglich fühlen. Wenn uns Nähe oft Probleme macht. Wenn wir mit Problemen in unserer Nähe nicht umgehen können. Wenn wir es nur schlecht oder überhaupt nicht ertragen können, wenn eine Person, die uns nah ist, krank ist oder voller Sorgen. Wenn wir uns sofort schuldig oder verantwortlich fühlen, wenn sie oder er leidet, aus welchem Grund auch immer. Wenn wir dann auf Distanz gehen. Wenn uns unsere eigenen Gefühle in Beziehungen nicht klar sind. Wenn wir nicht an dem Wesentlichen in unseren Beziehungen heran kommen oder sie sogar immer wieder abbrechen. Steckt dann vielleicht etwas Altes dahinter? Etwas aus einer ganz anderen Zeit? Wie war es für uns, als unsere Mutter oder unser Vater schwer erkrankte. Vielleicht lange zu Hause lag oder mit dem Krankenwagen abgeholt wurde? Als wir sie oder ihn im Krankenhaus besuchten? Als sie oder er uns ihre oder seine große Liebe nicht mehr geben konnte? Als dieser vermeintlicher Liebesentzug uns als Kind das Gefühl gab, etwas falsch zu machen? Als wir vielleicht innerlich auf Distanz gingen, weil unsere Mutter oder unser Vater nicht mehr so war, wie wir sie oder ihn kannten? Als wir die Nähe im Sterben nicht ertragen konnten? Als wir nach ihrem oder seinem Tod das tiefe Gefühl hatten, versagt zu haben. Irgendwie schuldig zu sein.

Und wie war es für uns als Kind ohne Mutter oder ohne Vater? Wie war das zu Hause? Mit unserer zurückgebliebenen Mutter, unserem zurückgebliebenen Vater? Als auch unsere zurückgebliebene Mutter oder unser zurückgebliebener Vater nicht mehr so war, wie früher? Als wir spürten, wie sie oder er litt. Fühlten wir uns als Kind irgendwie verantwortlich für all dieses Leiden in unserer Familie? Schuld, Verantwortung, Distanz, unfähig den Schmerz auszuhalten, zuzulassen, zu teilen, zu verarbeiten. Oder das Zusammenleben mit unseren Pflegeeltern? Das nie wirklich funktionierte.  Egal wie viel wir unser Bestes gaben?  Egal wie viel wir und anpassten? Wie war das für uns in der Schule? Wenn unsere Schulfreundinnen und Schulfreunde von ihren Eltern erzählten, vom Wochenende, von den Ferien? Schämten wir uns dafür, dass wir keine Mutter, keinen Vater oder überhaupt keine Eltern mehr hatten? Konnten wir noch frei und unbeschwert Teil unseres Freundeskreises sein? Oder fühlten wir uns vielleicht doch anders, belastet, ein Außenseiter? Wenn deine engsten Bindungen im Kindesalter oder als Jugendlicher so unfassbar schmerzbeladen waren, soviel inneres Chaos hervorriefen, ist es dann ein Wunder, wenn das auch später so ist? Wenn dir ungezwungene und spontane Nähe oftmals so schwer fällt, dich so erschöpft? Wenn du dich belastet fühlst durch alte Beziehungsmuster?

Das hier ist kein leichtes Thema. Es sind unsere Schattenseiten. Sie fragen um Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit, Geduld und Mut. Und vor allem um Milde uns selbst gegenüber. Es ist aber sicher auch ein Wunder, dass durch die Späte-Trauer-Arbeit nicht nur das Jetzt, sondern auch zugleich die Vergangenheit sich heilen können. In dem Sinne ist auch die Vergangenheit sehr viel offener und beweglicher als wir jemals vermuteten. Vielleicht nicht sofort, aber innerhalb absehbarer Zeit!

(*) Ein wunderbares Buch über die Arbeit mit unseren Schattenseiten ist ‘Schattenarbeit’ von Debbie Ford. Es begleitet mich schon seit vielen Jahren.

 

19.11.2019

Vater und Sohn

Mein Vater war ein ´einfacher´ Tischler. Er starb als ich 10 Jahre alt war. Erst mit 40 entdeckte ich eine Serie Dias von ihm. Die künstlerische Qualität dieser Aufnahmen hat mich umgehauen. Kannte er vielleicht die Filme von Federico Fellini? Gab es diese damals überhaupt schon? War es sein geschultes Tischlerauge, das ihm diesen Blick für Situationen gab? Das Bild hier ist mein Lieblingsfoto. Ich bin der kleine Junge ganz rechts und sind das Vater und Sohn dort auf dem Trödelmarkt in Spanien?

Ein wichtiger Teil in Deinem späten Trauerprozess ist die Wiederentdeckung deiner verstorbenen Mutter oder deines verstorbenen Vaters. Für mich sind diese Fotos ein Schlüssel zu meinem Vater. Hat er mich geliebt, als er dieses Fotos machte? War er tief in sich ein Träumer (so wie ich)?

 

08.11.2019

Üblicherweise wird uns erzählt, dass wir unsere Komfortzone verlassen sollten, um im Leben weiter zu kommen.
Jedoch… Das mit der Komfortzone ist bei Erwachsenen, die in ihren jungen Jahren einen Elternteil oder beide Eltern verloren haben, so eine Sache. Was machst Du, wenn Du schon als Kind aus Deiner Komfortzone gefallen bist? Dann geht der Weg nach vorne nur, wenn Du den Weg zurück in Deine Komfortzone findest. Ganz schön kompliziert!
Über diese ´umgekehrte´ Richtung findest Du mehr in ´Ein loch in meiner Seele´.
 

03.11.2019

Der einsame Weg

Es waren vielleicht nicht mal 100 Meter. Dieser Weg. Herbst 1975. Ich erinnere mich an nahezu nichts mehr aus der Zeit und vielleicht habe ich auch dieses Bild im Nachhinein konstruiert. Es ist schon so lange her. Nichtsdestotrotz ist dieser Weg für mich ein Sinnbild für alles, was danach gekommen ist.

Mein kleiner Bruder und ich gingen vorn. Links und rechts und hinter uns so viele nahe und ferne Verwandten, so viele bekannte und weniger bekannte Freunde der Familie. Nur dass es jetzt keine Familie mehr gab. Nichts. Ein vakuum. Alle sind in Schwarz. Alle sind Erwachsene, denn Kinder gehörten nicht auf so eine traurige Veranstaltung. Außer wir natürlich, mein kleiner Bruder und ich.

Ich war erstarrt. Irgendwo verloren, bloß nicht hier. Getrennt von meinen Gefühlen, die nicht mehr Teil von mir waren und getrennt von der äußeren Welt, die nicht mehr meine Heimat war. Nicht im Stande, den Anwesenden in die Augen zu sehen. Und das, während mein kleiner Bruder und ich an diesem Tag doch für alle im Mittelpunkt ihres Mitgefühls standen. Ringsherum das knirschende Geräusch so vieler Füße auf diesem Schotterweg. (Wer denkt sich so einen Belag für einen Friedhof aus?) Der Pfad von der Hauptpforte zum geöffneten Grab meines Vaters. Dort, wo jetzt auch meine Mutter beigesetzt wurde.

Hat das alles auf diesem Schotterweg angefangen? Ist es das, was auch ich noch immer mit mir herumtrage?

Ich habe mir überlegt, an dieser Stelle ein Foto von William und Harry zur Beerdigung ihrer Mutter Diana zu verwenden. Ich mache es nicht. Ihr alle kennt die Bilder und sie wären hier wahrscheinlich eine Plattitüde. Und trotzdem, diese Aufnahmen zeigen alles! Die gemeinsame Trauer in der jeder in und für sich zutiefst einsam ist.

Spät-Trauernde können auf einer ganz tiefen Ebene sehr einsam sein. Ihre frühen Erfahrungen sind Teil ihres Daseins geworden. Sie haben das Gefühl, anders zu sein. Abgetrennt von den anderen und vom Leben. Der Umgang mit anderen scheint ihnen manchmal wie ein Theaterspiel, obwohl sie es doch so ernst meinen.  In ihnen ist so viel, was sie selbst nicht richtig verstehen und auch nicht teilen können (oder dürfen). Natürlich möchten sie auch dazu gehören. Entfremdet von sich selbst identifizieren sie sich darum vielleicht mit Idealen und haben trotzdem das Gefühl, nicht näher an sich selbst heranzukommen. Sie haben eine tiefe Sehnsucht nach ihrem wirklich eigenen Lebensgefühl. Sie möchten fühlen, dass sie leben.

Es ist unser ureigenes Geburtsrecht, die Erde mit unseren Füßen zu spüren. Uns auszudrücken. Uns selbst zu gestalten, auszuprobieren, zu entdecken. Der Weg dahin führt nach innen und nach außen. Es ist ein Heimkommen zu uns selbst und in unser Leben. Nur wir selbst können diesen Weg angehen, uns trauen. Das ist nicht einfach. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber jeder noch so kleine Schritt lohnt sich. Späte-Trauer ist nicht die einzige Unterstützung, die es auf diesem Weg zu finden gibt. Jedoch… Sie kann dabei eine große Hilfe sein, weil sie so viel Wiedererkennung bringt im Austausch mit anderen. Weil sie so genau benennt, was so viele andere Spät-Trauernde erlebt haben. Weil wir entdecken können, dass wir mit unseren Verlusterfahrungen nicht alleine sind. Weil wir auch in dem, was das mit uns gemacht hat, nicht alleine sind.

 

16.10.2019

Geteilte Freude ist doppelte Freude: Die Druckdatei für ´Ein Loch in meiner Seele – Späte Trauer bei Erwachsenen, die im jungen Alter ihre Eltern verloren haben´ ist gestern zum Verlag geschickt worden! Ich erwarte die erste Büchersendung kurz nach dem Wochenende. Es war ein langer Weg mit vielen Hürden und es hat sich gelohnt. Für mich ist es ein Geschenk, so ein Buch in die Welt setzen zu dürfen. Wie viele Leser wird es erreichen und was wird es in ihrem Leben bewirken?

Sobald die ersten Exemplaren zum Versand da sind, mache ich es hier und auf Facebook unter Bert Pekelder bekannt

´Mein Gott! Wenn du jemandem ein Buch verkaufst, dann verkaufst du ihm nicht lediglich 400 Gramm Papier und Tinte und Leim – du verkaufst ihm ein ganz neues Leben. Liebe und Freundschaft und Humor und Schiffe nachts auf dem Meer – ein Buch is voller Himmel und Erde. Ich rede von einem wahren Buch.´

Christopher Morley, 1890-1957, Herausgeber und Schriftsteller

 

29.09.2019

Whaam! Gabuumm! Zatosch!

Die Inspiration und der Titel für diesen Text stammen aus einem Artikel von Holger Kreitling in Die Welt  vom 12. November 2018.

Ich habe mein ganzes Leben nach einer Vaterfigur gesucht, nach einem Bezugspunkt, nach Helden. Vielleicht weniger nach den Helden, um die es hier geht, sondern eher nach Heiligen, Gurus, Lehrer, Künstler und Denker. Hat das mit den Verlusten in meiner Kindheit und meiner Jugend zu tun? Ich denke schon. Ist diese Geschichte meiner späten Trauer angemessen? Auf jeden Fall ist sie Ausdruck meiner Suche nach jemandem, nach etwas, mit dem ich mich identifizieren konnte.

Stan Lee

Stan Lee, alias Excelsior, ist tot. Er starb am 12. November 2018. Bis vor Kurzem kannte ich ihn nicht. Er arbeitete für Marvel Comics und war der Schöpfer von Spider-Man, Hulk, Iron Man, Silversurfer und vielen anderen Comicfiguren. Mein Jugendheld war Batman, der war eine Kreation von Bob Kabe und Bill Finger. Als ich acht oder neun Jahre alt war, litt ich des Öfteren unter einer Stirnhöhlenentzündung. Meine Mutter kaufte mir als Trostpflaster ein Batman-Comicheft. Damit saß ich dann im Wartezimmer des HNO-Arztes. Eine Betäubungswatte in meiner Nase und erstarrt vor Angst. Ich wusste, er würde mir gleich mit einer hohlen Nadel in die Nase bohren. Wie gerne wäre ich zusammen mit Batman weg geflogen. Als kleiner Junge war er in eine Grube voller Fledermäuse gestürzt. Deshalb hatte er jetzt eine Phobie. Das Wort kannte ich damals noch nicht, aber ich verstand, worum es ging. Außerdem waren seine Mutter und sein Vater vor seinen Augen ermordet worden. Das war besonders schlimm für ihn. Auch das Wort Trauma war mir in der Zeit noch unbekannt. Wie hätte ich wissen können, dass auch meine beiden Eltern in den darauffolgenden Jahren sterben würden? Über meine Helden und über meine eigene Heldenrolle geht diese Geschichte…

Lese mehr darüber, wie es weiter geht, in: Ein Loch in meiner Seele von Titia Liese und Bert Pekelder. Unser Buch erscheint in 2 Wochen.

 

08.09.2019

Mein 16. Geburtstag im Garten. Ganz rechts sitze ich. Zwei Monate später war meine Mutter tot.

Nach dem Tod meines Vaters war ich mit 15 Jahren viel zu früh gezwungen, erwachsen zu werden.

Marius Müller-Westernhagen, 1948- , Musiker.15 Jahre alt, als er seinen Vater verlor.

Pubertätsschmerz

Für viele Eltern, nicht nur für Spät-Trauernde, ist die Pubertät, durch die ihre Kinder gehen, eine sowohl spannende, als auch fesselnde und zugleich schwierige Zeit. Aber bei Spät-Trauernden spielen noch andere Themen eine Rolle. Diese können den großen Prozess des Losmachens, des Loslassens und des Sichneubindens ihrer Kinder zusätzlich erschweren.

Es kann Ihnen als Mutter oder Vater und damit auch Ihren Kindern helfen, wenn Sie sich der Themen, die Ihre späte Trauer betreffen, bewusst werden. Sie verstehen sich dadurch selbst und Ihr eigenes Verhalten besser und können dafür mehr Eigenverantwortung übernehmen. Damit können Sie Ihre Haltung Ihren Kindern gegenüber ändern. Und im Prozess, durch den Ihre Kinder gehen, wiegt Ihr eigenes Gepäck, das Sie durch die späte Trauer mit sich herumschleppen, dann weniger.

Der überwiegende Teil der Spät-Trauernden war, bevor ihre Mutter oder ihr Vater starb, normal und sicher gebunden. Dadurch hatten sie die Möglichkeit, die Fähigkeit des Bindens zu lernen. Doch was sie meistens nicht gelernt haben, ist, sich sicher zu lösen. Der Einschnitt des unumkehrbaren Verlusts der Mutter oder des Vaters, der Verlust der ursprünglichen Sicherheit, die daraus resultierende Unsicherheit, die vielen Folgeverluste und die strukturellen Veränderungen haben das Vertrauen des damaligen Kindes zutiefst beschädigt. Spät-Trauernde haben in den meisten Fällen nicht gelernt, sich auf eine sichere Art und Weise zu lösen. Das hat zur Folge, dass viele Spät-Trauernde eine tiefe Angst vor dem Loslassen verspüren. Der Pubertätsprozess des eigenen Kindes kann Ihnen als Spät-Trauernde dann auch eine große und tiefe Angst bereiten. Eine Verlustangst.

Spät-Trauernde haben in vielen Fällen keinen gesunden, positiven, identitätsbildenden Pubertätsprozess durchlebt. Sie haben in ihrer eigenen Pubertät diesen wichtigen Prozess des Losmachens, des Loslassens und des Sichwiederbindens verpasst. Es gab keine vertraute Familienstruktur mehr, von der sie sich auf eine sichere Art und Weise lösen konnten. Es gab keinen Platz mehr, wo sie bedingungslos sein konnten. Es gab keine Mutter, keinen Vater oder beide Eltern nicht mehr, mit denen sie ausfechten konnten, wer sie waren. Was sie konnten. Was sie nicht konnten. Was sie wollten. Was sie nicht wollten. Für Spät-Trauernde, die selbst mit ihrer Pubertät keine guten und gesunden Erfahrungen gemacht haben, kann es darum zusätzlich kompliziert und schwer sein, eine Pubertierende oder einen Pubertierenden durch die Pubertät zu lotsen.

Auszug aus ´En Loch in meiner Seele´ – Späte Trauer bei Erwachsenen, die im jungen Alter ihre Eltern verloren haben. Das Buch erscheint im Oktober 2019.

 

29.08.2019

Wie ein Fisch im Wasser – über die Kultur deiner Herkunftsfamilie

Als ich mich im Rahmen der Veröffentlichung von Ein Loch in meiner Seele bei Facebook anmeldete,  benutzte ich als Titelbild ein Foto von meiner Mutter, meinem Vater und mir (auf dem Schoß meiner Mutter). Innerhalb weniger Tage reagierten meine Cousinen und Cousins mit berührenden Erinnerungen an unsere Familie. Vieles davon war völlig aus meinem Gedächtnis verschwunden. 

Dass der junge Verlust der Eltern einen Krater schlägt und ein Loch hinterlässt, wird fast jeder verstehen. Aber was ist mit der verlorenen Kultur deiner Herkunftsfamilie? Wer versteht schon, dass die ganze Welt, in der du aufwuchst, sich änderte? Der Boden auf dem du lebtest; die Luft, die du atmetest; das Wasser, das du trankst; die Gerüche, die Klänge, die Temperatur, das ganze zwischenmenschliche Klima, das dich umgab; die Sprache, die du hörtest und gerade zu sprechen lerntest; die körperlichen Umgangsformen, der Bewegungsraum und die Art, dich selbst zu bewegen; die Interessen, die Bücher und die Urlaubspläne, über die am Tisch gesprochen wurde; das, was wichtig und das, was unwichtig war; das, was erlaubt und nicht erlaubt war; das, was gefühlt, gedacht und geglaubt wurde und das, was nicht erlaubt war, zu fühlen, zu denken und zu glauben.

Ein Kind lebt nicht nur in seinem Umfeld, es ist sein Umfeld. Erst allmählich entwickelt sich daraus die eigene Identität. Ein Kind ist wie ein Fisch im Wasser. Weiß der Fisch vom Wasser? Sind der Fisch und das Wasser nicht eins? Was passiert, wenn der Fisch vom offenen Meer in einen schlammigen Teich geworfen wird (so, wie bei meinem Bruder und mir)? Überlebt er das? Wie schafft er es, zu überleben? Und wir? Passten wir uns an? Konnten wir unsere eigene Identität entwickeln?

 

19.08.2019

über (Über-) Leben

Späte Trauer geht nicht nur darum, dass du über den Tod deiner Mutter, deines Vaters oder deiner beiden Eltern noch trauern musst. Es geht viel mehr darüber, was du dadurch und danach verloren hast. Die Kultur deiner Eltern, die Selbstverständlichkeit des Lebens, deines eigenen Lebens. Dein Leben wurde vom Leben zum Überleben. Wenn du als Erwachsener anfängst, die Reichweite davon zu verstehen, kann in kürzester Zeit sehr viel in Bewegung kommen. Dein Überleben kann wieder zum Leben werden.

Mein persönlicher Weg vom Überleben zum Leben: Am Diedamskopf in Österreich vor der Sonne und unter meinem grünen Schirm. Dank Kälte ging es mir nicht wie Ikarus!

Es kann Deines Schöpfers Wille nicht sein, Dich, Ersten der Schöpfung, dem Staube zu weih´n, Dir ewig den Flug zu versagen!

Otto Lilienthal, 1848-1896, Luftpionier, 13 Jahre alt, als sein Vater starb.

 

01.08.2019

Eine Buchempfehlung

Giger-Bütler, Josef: ´Jetzt geht es um mich´ Die Depression besiegen – Anleitung zur Selbsthilfe. Beltz Verlag 2010, Weinheim und Basel.

Die Bücher von Josef Giger-Bütler entdeckte ich auf einer Forumseite für Gleitschirmflieger. In dem Chat ging es um Depressionen. Ein Thema, das unter Gleitschirmfliegern wohl sehr selten besprochen wird. Ich vermute, dass so einige Extremsportler mit dieser Seite des Lebens zu ringen haben. Kurz vor Weihnachten 2015 hatte sich Pierre Bouilloux, einer der großen Gleitschirmpioniere, das Leben genommen. Ein Chat-Teilnehmer schrieb, die Depression sei nur eine gestörte Gehirnstoff-wechslung, eine Störung der Neurotransmitter. Hierfür gäbe es heute sehr gute Medikamente, weitgehend ohne Nebenwirkungen. Darauf antwortete ein anderer Teilnehmer, dass diese Ansicht zu eng ist. Er erwähnte den Analytiker Josef Giger-Bütler. Sein Ansatz ist, dass depressive Menschen unter Druck ihres Ich muss statt Ich will leben und dadurch auf einer tiefen Ebene von sich selbst getrennt sind. Das hörte sich für mich sehr ähnlich an wie: Ich überlebe statt Ich lebe.

Über dieses Ich muss statt Ich will, also über Ich überlebe statt Ich lebe geht es auch in Jetzt geht es um mich. Dieses Buch ist einzigartig, nicht vergleichbar mit irgendeinem anderen Buch, das ich bis jetzt gelesen habe. Es ist eine Reise zu sich selbst. Eine Reise an der Hand eines sehr liebevollen, geduldigen Begleiters. Es ist voller Empathie und Weisheit und belehrt niemals. Es zeigt, dass wir uns auf dieser Reise nicht unter Druck setzen müssen. Es ist gerade diese innere Haltung des Müssens, die uns im jungen Alter auferlegt worden ist. Eine Überlebensstrategie, die wir uns nach dem Verlust unserer Mutter, unseres Vaters oder unserer beider Eltern vielleicht auch selbst auferlegt haben. Dieses Buch erlaubt uns, nur das zu tun, wozu wir uns im Moment imstande fühlen. Die Zeit zu nehmen, die wir brauchen. Nichts zu tun, wenn nichts geht, im Vertrauen, dass auch (gerade) dann viel passiert. Uns kleine Schritte zu erlauben.

Josef Giger-Bütler schreibt nicht über den frühen Verlust von Eltern. Spät-Trauernde haben jedoch oftmals auch mit Depressionen zu kämpfen. Sie fragen sich oftmals verzweifelt, wie sie anfangen können zu leben, statt immer nur zu überleben. Dieses Buch handelt von diesem (Über-)Lebensweg. Es kann zu einem Begleiter werden, den wir immer und überall mit uns mitnehmen und immer und immer wieder aufs Neue lesen können auf unserer Reise zu uns selbst.

 

05.04.2018

Pommesbude

Ich war gestern wieder in Rozendaal. Der Ort, wo ich geboren bin und als Kind und Jugendlicher meine glücklichsten Jahre hatte. Wenn ich in den Niederlanden bin, schaue ich dort immer vorbei. Ich spüre dort meine Wurzeln. In Velp, wo ich zur Schule ging, stand ich vor der Pommesbude in der Hauptstraße. Meine Schulkameraden und ich kauften dort in der Schulpause oft unsere Pommes mit Mayo. Eine große neue Gedenktafel an der Fassade überraschte mich: ´Seit 1958´. Das ist mein Geburtsjahr! Dieses Jahr gibt es ein sechzigjähriges Jubiläum. Genau wie bei mir. Komischerweise gab mir das Gefühl großer Verbundenheit. Mit dieser Pommesbude!

Ich fing an zu rechnen. Ich bin jetzt 60. Mein Vater wäre jetzt 114 Jahre alt gewesen und meine Mutter 97. Das traf mich wie ein Hammerschlag: Wenn sie damals nicht so früh gestorben wären, wären sie trotzdem jetzt schon längst tot. Es war ein einsames und ödes Gefühl. Mir wurde damit bewusst, dass sie jetzt so oder so nicht mehr leben würden. Bin ich dann rein rechnerisch und formell kein Waise mehr? Habe ich keinen Anspruch mehr auf mein lebenslanges Gefühl des Verlusts, des Vermissens, der Trauer, des Mitleids? Hat dann dieser kleine Junge, dieses Waisenkind in mir, keine Daseinsberechtigung mehr? Stehe ich ab jetzt alleine da? Muss ich mich jetzt von diesem innerlichen Kind verabschieden?

Irgendwie stimmt da doch etwas nicht, oder? Das Kind ist da. Es ist Teil von mir und es möchte das auch für immer bleiben. Egal, wie alt ich werde. Wie unsere Beziehung sich entwickelt, kann ich nicht sagen, können wir beide nicht sagen. Wir werden es zusammen herausfinden. Denn verlieren möchten wir uns beide nicht!

 

20.07.2019 

Eine Buchempfehlung

Kverneland, Steffen: Ein Freitod, Berlin, Avant-Verlag, 2019.

Der Vater, der sich für immer entzog

Ein junger Mann verliert seinen Vater – durch einen Suizid. Er geistert fortan durch seine Träume und Gedanken, ein Untoter. Erst dreißig Jahre später findet der Sohn eine berührende Sprache dafür.

Als der Comiczeichner Steffen Kverneland 18 Jahre alt war und bereits mit einer Einzelausstellung in der Lokalzeitung erwähnt wurde, setzte sich sein Vater eines Abends auf dem Gelände seiner Firma in ein Auto, lenkte die Auspuffgase in den Innenraum, trank eine Flasche Wodka und starb. Mehr als drei Jahrzehnte später, Kverneland ist inzwischen einer der bekanntesten Zeichner Norwegens, erzählt der Sohn die Geschichte seines Vaters als Bildergeschichte.

Für das autobiografische Erzählen ist die Graphic Novel eine perfekte Form; denn Erinnerungen bestehen zum überwiegenden Teil aus Bildern. Und es ist nicht ganz korrekt, dass hier die Geschichte des Vaters erzählt wird. Es ist die eigene Geschichte mit dem Vater, ergänzt und vertieft durch eine Spurensuche vorwiegend anhand von Familienfotos, die Kverneland einbaut, zum Teil auch abmalt oder übermalt.

Es sind zum Teil sehr bittere und selbstquälerische Passagen über die Unaufrichtigkeit der eigenen Trauer, die er als junger Künstler als romantische Pose gut in die eigene Rolle einbauen konnte: „Trauer wird durch Eitelkeit beschmutzt“, ist eine abgründige Erkenntnis, die dem reifen Zeichner heute als Mahnung dient. In einem großartigen doppelseitigen Panel sieht man den Zeichner einen Kinderwagen durch lediglich flüchtig skizzierte Straßenzüge schieben, ein mehrfach eingesetztes Mittel, um das Nachdenken im Comicbild zu veranschaulichen. In einem anderen sitzt er mit einem Kumpel beim Bier und stellt fest, dass er nun so alt ist wie sein Vater, als er starb.

Man muss es erst einmal hinkriegen, dass eine autobiografische Graphic Novel, in der der Künstler sich ständig in verschiedenen Lebensaltern selbst zeichnet, nicht ins Eitle und Exhibitionistische kippt. Es hat seinen Grund, dass Kverneland, der schon früher autobiografisch gearbeitet hat, sich für dieses Projekt so lange Zeit ließ.

Text von Richard Kämmerlings:

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus196733591/Ein-Freitod-von-Steffen-Kverneland-Suizid-eines-Vaters.html

 

 

25.02.2019

Verarbeiten

Jeder sagt es und auch ich selbst habe es lange gedacht: ´Den Tod meiner Eltern muss ich verarbeiten.´ ´Meine schwierige Kindheit und Jugend muss ich verarbeiten.´ Aber was ist überhaupt verarbeiten? Was ist es wirklich? Was kann oder muss ich selbst dafür tun?  Gerade wir, die als Kind unsere Eltern verloren haben, setzen uns selbst oftmals so unter Druck. Wir müssen uns stark zeigen. Wir müssen es schaffen. Wir müssen also auch verarbeiten! Unser innerer Antreiber treibt uns somit zum Gesunden an,  zum Funktionieren, zum Besserwerden. Vielleicht stellt er sogar unsere tiefsten Probleme in Frage. Aber…

Dort, wo unser Hauptproblem ist; dort, wo wir am meisten unter uns selbst leiden;  dort, wo wir krank sind, da ist auch unser Schatz. Dort können wir in Berührung kommen mit unserem wahren Selbst.

Anselm Grün, aus ´Engel für das Leben´.

Unsere wirkliche Transformation kann erst dann entstehen, wenn wir unser Leiden nicht länger verdrängen, nicht länger leugnen, nicht länger verurteilen, sondern anerkennen und diesem Leiden eine Chance geben, sich uns zu zeigen und uns zu verwandeln. Verarbeitung wird zur Verwandlung. Dieser Weg ist für jeden von uns anders, einmalig. Darüber geht es in dem folgenden Text.

 

25.02.2019 

und Ich?

john coltrane verarbeitet seinen atem, um zu entdecken

alexander calder verarbeitet stahl, um leicht zu sein

pablo picasso verarbeitet fast alles, um zu erobern

der buddha verarbeitet das etwas, um nicht-etwas zu sein (oder so etwas)

das wasser verarbeitet den raum, um das meer zu sein

                                                                        

bob dylan verarbeitet sein denken, um zu singen

dan flavin verarbeitet leuchtstoffröhren und es gibt licht

luis barrágan verarbeitet mauern, um zu färben

padmasambhava verarbeitet seinen zauber für eine magie, die ich nicht verstehe

venedig verabeitet das licht und ich bin an meinem platz

 

ella fitzgerald verarbeitet melodien, um zu fliegen

charles eames verarbeitet die kreativität von ray, um selbst ein star zu sein

eric cederberg verarbeitet immer wieder den gleichen strand, um immer wieder etwas anderes zu malen

der alchemist verarbeitet blei, um gold zu sein

die berge verarbeiten sich selbst, um hoch zu sein 

 

milt buckner verarbeitet seine noten und wächst zu seiner wahren größe

john baldessari verarbeitet etwas, um etwas wegzulassen

alberto giacometti verarbeitet form, um nicht-form zu sein

reinhold messner verarbeitet das lebensbedrohliche und er lebt

die sonne verarbeitet ihre wärme, um mir die thermik zu schenken

 

helmut newton verarbeitet geschichten, um kunst zu sein

anita ekberg verarbeitet die fontana di trevi und ich bin marcello

mein kleiner bruder verarbeitet seinen tod, um bei papa und mama zu sein

hal g. verarbeitet sein nicht-sagen, um nichts zu sagen

der wind verarbeitet meinen gleitschirm und ich bin ein vogel

 

federico fellini verarbeitet seine träume, um träume zu filmen

joseph campbell verarbeitet seine helden, um ein held zu sein

wim sonneveld verarbeitet sehr elegant und ich bin wieder ein stolzer niederländer

das tao zeigt sich, um unsichtbar zu sein

die glocke verarbeitet ihren klang, um eine kuh zu sein

 

lion und wolff verabeiten ihr jüdisches deutschland und es schwingt

robert persig verarbeitet seinen wahnsinn, um zu erleuchten

gabrielle verarbeitet das waisenhaus von obasine, um coco zu sein                          

batman verarbeitet den tod seiner eltern nicht und ist mein held

und ich, was verarbeite ich, um ich zu sein?

 

27.01.2019

Eine Buchempfehlung – der Klassiker zum Thema ´Helden´

Campbell, Joseph, Der Heros in tausend Gestalten, Insel Verlag 2011, Berlin